BRUCE NAUMAN (2)

BRUCE NAUMAN, Anthro-Socio (Rinde Facing Camera, 1991
BRUCE NAUMAN, Anthro-Socio (Rinde Facing Camera, 1991

Die eigentliche Tätigkeit. Aktion und Erfahrung bei Bruce Nauman

!! http://www.michaelluethy.de/scripts/bruce-nauman-betrachter-aktion-passion/

!! http://www.michaelluethy.de/scripts/index.php?s=nauman

Die Selbstaktivierung zum Performer und die Aktivierung des Betrachters zum Teilhaber des Werks führen bei Bruce Naumans Arbeiten zu einer Entschleunigung bis zum Stillstand. Weder die automatistische noch die reflexive Aktivierung sind kunstspezifisch. Das Kennzeichen von Naumans Arbeiten, das auf die spezifischen Möglichkeiten der Kunst verweisen dürfte, besteht darin, beide Aktivierungen gleichzeitig hervorzurufen und in Konflikt zueinander treten zu lassen.
Insbesondere zwingen seine Arbeiten dazu, Werkbetrachtung und Selbstbefragung fortwährend aufeinander zu beziehen. Die Interpretation der jeweiligen Werke kann gar nicht anders, als die Strukturbeobachtungen am Werk und die Selbstbeobachtung des Rezipienten wechselseitig auseinander hervorgehen zu lassen – wobei sich die Selbstbeobachtung des Betrachters bei Nauman an Werken vollzieht, die ihrerseits in der Selbstbeobachtung des Künstlers gründen.

Bruce Nauman, green light corridor, 1970
Bruce Nauman, green light corridor, 1970

Auf diese Weise wird Nauman zum Testfall eines Konzeptes, das für die Beschreibung der Beziehung zwischen Künstler, Werk und Betrachter in der Kunst seit dem Zweiten Weltkrieg klassisch geworden ist.

Naumans Arbeiten der späten 60er und frühen 70er Jahre präsentieren, was mit Wolfgang Iser als “Reduktionsform der Subjektivität” bezeichnet werden kann: Subjektivität erscheint hier auf ihren Grund zurückgeführt.
“Im Atelier war ich auf mich selbst gestellt. Das warf dann die grundlegende Frage auf, was ein Künstler tut, wenn er im Atelier ganz auf sich selbst gestellt ist. Ich folgerte also, dass ich ein Künstler in einem Atelier war und dass demnach alles, was ich dort tat, Kunst sein musste. Was tatsächlich ablief, war, dass ich Kaffee trank und hin- und herging. Die Frage kam dann auf, wie ich diese Aktivitäten strukturieren konnte, so dass sie Kunst werden oder eine andere Art von geschlossener Einheit, die anderen Menschen zugänglich gemacht werden könnte. An diesem Punkt rückte die Kunst als Tätigkeit gegenüber der Kunst als Produkt in den Vordergrund.”
Nauman gibt dem Produzieren eine reflexive Wendung, in der die Dynamik der Produktivität selbst hervortritt. Er umgeht das Ausdrucksproblem, keine Botschaft zu haben, indem er nicht nach einem Inhalt sucht, den es auszudrücken gälte, sondern die Situation, in der er sich befindet, als solche zum Inhalt macht: Das Hin- und Hergehen im Atelier wird zum Gegenstand des künstlerischen Tuns.

Als sich Nauman die Frage stellte, wie er diese Konzeption von der eigenen Person ablösen und für andere öffnen könnte, entwickelte er die Werkgruppe der Corridors. Im Hinblick auf den Bezug zwischen Naumans künstlerischem Ansatz und Ecos Konzept des “offenen Kunstwerks”, aber auch im Hinblick auf die Aktivierung des Betrachters stellen die Corridors die wohl einschlägigste Werkgruppe in Naumans Œuvre dar. Es handelt sich um mehr oder weniger geschlossene, aus Brettern und Latten roh gezimmerte Partial-Räume, die innerhalb eines bestehenden architektonischen Raumes aufgebaut werden. Sie sind installative, skulpturale Werke und zugleich Versuchsanordnungen, in denen der Betrachter – oder eher: Benutzer – auf einen Parcours geschickt wird, so wie es Nauman in den Performances mit sich selbst tat.

Wer sich in Corridor Installation bewegt, erfährt sich im Zuge eines Experiments, das keine zu lösende Aufgabe darstellt, sondern die Exploration dessen, was einer erfolgreichen Lösung entgegensteht. Die Subjektivierung des Raums – das Ineinanderfließen von ‘mind’ und ‘room’ – ist dabei im Lichte der Performance-Filme zu sehen, deren Struktur zu überwinden die Corridors entwickelt wurden. Mit ihnen gelang es Nauman nicht nur, seine Kunst auf den Betrachter hin zu öffnen, sondern zugleich, sich selbst aus dem Spiel zu nehmen. Das Zurücktreten des Künstlers hinter die Werkstruktur steht dabei in direktem Zusammenhang mit deren kalkulierter Offenheit. Gefragt nach der widersprüchlichen, Lücken produzierenden Struktur der Installationen, verweist Nauman auf seine Angst, sich in den Arbeiten zu exponieren und die Menschen zu nahe an sich herankommen zu lassen. Offenheit wird zu einer Distanzierungsstrategie.

Naumans Arbeiten zeichnen sich durch den ‘double bind’-Effekt aus, dass man als Betrachter zugleich adressiert und ausgestoßen wird. Statt dass wir die Arbeit begreifen könnten, verhält es sich umgekehrt. Man wird von der Arbeit ‘ergriffen’, und die ‘Erkenntnis’ ist in erster Linie physischer Natur: ein “Loch”, in das man tritt, eine “Klippe”, über die man stolpert. “Ich habe von Anfang an versucht”, sagt Nauman, “Kunst zu machen […], die sofort voll da war. Wie ein […] Schlag ins Genick. Man sieht den Schlag nicht kommen, er haut einen einfach um.”


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2 Gedanken zu „BRUCE NAUMAN (2)

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