DIE FUNKTIONSWEISE DER MENSCHLICHEN STIMME

Beitrag von Reiner Philipp Kais  (Sprechbesteck) auf stimme.at
Die Funktionsweise der menschlichen Stimme
Dies ist der erste von drei Teilen, die Ihnen die Funktionsweise der menschlichen Stimme näher bringen: Die Atmung (Teil 2: der Kehlkopf, Teil 3: der Vokaltrakt)

Bis vor etwa 30 Jahren war die menschliche Stimme nur bruchstückhaft erforscht. Über die Funktionsweise existierten unzählige Mysterien, von denen sich einige leider bis heute hartnäckig halten, obwohl diese mittlerweile wissenschaftlich widerlegt wurden.

Zu Beginn der 1980er Jahre wurde an der TH Darmstadt ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen. Das Institut für Arbeitswissenschaft befasste sich mit der physiologischen Funktionsweise der menschlichen Stimme. Allen voran entwickelten Prof. Eugen Rabine und Gisela Rohmert in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern verschiedener Richtungen eine neue Methode der Stimm- und Gesangspädagogik. Als Extrakt dieser Forschungsarbeit und als Grundlage für diese neue Methode veröffentlichten sie 1984 die „Grundzüge des funktionalen Stimmtrainings“, herausgegeben von Walter Rohmert.

Der heutige Teil fasst die Forschungsergebnisse zum Thema Atmung zusammen.

DIE ATMUNG
Die Hauptaufgabe unserer Atmung ist die Versorgung unseres Blutes mit lebensnotwendigem Sauerstoff und der Abtransport von Kohlendioxid.

Für unsere Stimme, die Tonerzeugung, liefert sie aber auch die notwendige Energie und das Trägermaterial für die entstandenen Schallwellen.

Der Atemapparat besteht aus der Luftröhre, die ähnlich eines Schlauchs den Rachenraum mit dem Brustraum, sprich Lunge verbindet. Am unteren Ende der Luftröhre sind die Bronchien, die sich in viele kleine Zweige aufteilen, um die Luft gut zu verteilen. Von dort gelangt die Luft in die Lunge selbst. Diese ist ein zweigeteiltes, schwammartiges Organ. Jeder Lungenflügel ist von einem abgeschlossenen Gewebesack umgeben, dem Lungenfell.

Wichtig für das Verständnis unserer Atmungsfunktion ist die Tatsache, dass diese wie ein Unterdrucksystem arbeitet.
Durch das Signal vom Gehirn „Sauerstoffmangel“ werden unsere Einatmungsmuskeln aktiviert. Haupteinatmungsmuskel ist das so genannte Zwerchfell. Dieses ist ein kuppelförmiger Muskel, der an den unteren Rippenbögen angewachsen ist und den Brustkorb von der Bauchhöhle trennt. Dieser kontrahiert in eine annähernd flache Stellung. Zusätzlich dehnen die Zwischenrippenmuskeln den Brustkorb horizontal in alle Richtungen. Somit vergrößert sich der Brustraum und die Lunge wird vom entstandenen Unterdruck gezwungen diesen Raum auszufüllen. Dadurch entsteht innerhalb der Lunge wiederum ein Unterdruck und die Luft wird durch Mund, Rachen, Luftröhre und Bronchien in die Lunge eingesaugt.

Die Ausatmung hingegen ist passiv (!) und geschieht vorwiegend durch die elastische Rückzugskraft der Lunge selbst, die in ihre Ausgangsstellung zurück will. Aufgrund ihrer Konsistenz zieht sich die Lunge wieder zusammen und entlässt die Luft. Dies ist vergleichbar mit einem Luftballon. Das Zwerchfell reagiert hier mangels eines aktiven Kontramuskels lediglich passiv. Nur die Zwischenrippenmuskeln können die Erweiterung oder Verengung des Brustkorbes aktiv steuern.

Der Folgeartikel widmet sich der zweiten Teilfunktion: Dem Kehlkopf. Es wird beschrieben, wie die ausströmende Luft die Stimmbänder in Schwingung versetzt und der Primärklang entsteht.


Link Reiner Philipp Kais
  ist Stimmtrainer für Stimme, Sprechen, Präsentieren, Schauspieler, Regisseur und Countertenor. In Wien führt er seinen Firma Link Sprechbesteck

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